Viele von uns kennen diese Situation: Du sitzt in einer Videokonferenz und auf einmal ist die Verbindung gestört. Das Bild bleibt stehen, der Ton hängt oder alles kommt nur verzerrt oder stark unterbrochen bei dir an. In dieser Situation ist eine gute Verständigung nicht möglich. Teile der Kommunikation gehen verloren.

Die Lösung ist einfach. Wir signalisieren, dass eine Störung vorliegt, und versuchen die Verbindung zu verbessern. Dann tauschen wir uns noch mal zu dem Thema aus.

Klingt einfach und völlig normal. Aus technischer Sicht schon. Doch warum ist es bei den Verbindungen zwischen uns Menschen anders und deutlich schwieriger?

Verbindungen kommen und gehen

Überall in unserem Leben sind wir mit anderen Menschen verbunden. Sei es in der Familie, im Job, im Verein, in der Musik, in der Natur oder wo auch immer. Einige Verbindungen können wir uns aussuchen, andere nicht. Vielleicht kennst du den Spruch: „Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon.“ Ja, das stimmt.

Das gilt auch für unser berufliches Umfeld und für unser Netzwerk. Im Job können wir uns unsere Kolleginnen oder Kollegen relativ selten aussuchen. Hier kommt es darauf an, wie sich die Beziehung gestaltet.

Meistens ist am Anfang alles in Ordnung. Der Klassiker im gruppendynamischen Prozess. Wir tasten uns langsam vor und finden heraus, wie die anderen so ticken. Mehr und mehr kommen die jeweiligen Eigenschaften zutage, Beziehungen entstehen. Manchmal stellst du fest: Oh, das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Was läuft in dieser Beziehung schief?

Stephen R. Covey beschreibt es in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität “ anhand eines Beziehungskontos. Er zieht den Vergleich mit einem Bankkonto. Du kannst erst etwas abheben, wenn du etwas eingezahlt hast. Die Einzahlung ist keine Einbahnstraße, ganz im Gegenteil. Es wird gefüllt von beiden Seiten der Verbindung. Ein einseitiges Befüllen ist nicht möglich. Jede Person muss in die Beziehung investieren. Anderes wie bei einem Geldkonto kannst du bei einem Beziehungskonto nicht in den Dispo gehen. Und doch passiert es immer wieder.

Die Botschaft, die hinter dieser Aussage steckt, ist: Wir Menschen müssen an unseren Verbindungen arbeiten, unsere Beziehungen pflegen und das jeweilige Beziehungskonto mit dem Guthaben versorgen.

Warum ist das so wichtig?

Es gibt im Leben nicht immer nur schöne und entspannte Momente. Manchmal wird es stressig und anstrengend. Das sind die Momente, in denen Menschen über sich hinauswachsen oder ihr wahres Gesicht zeigen. Ich habe beides mehrfach erlebt. Letzteres verursacht eine extrem große Abbuchung vom Beziehungskonto. Wenn nun wenig oder kein Guthaben drauf ist, sind das Vertrauen schneller verloren und die Verbindung gestört, als du denkst. Hier hilft es leider nicht, die Kamera aus und wieder anzuschalten. Hier braucht es viel mehr. Manchmal sind es dann die getrennten Wege, die ab diesem Zeitpunkt gegangen werden.

Einmal zerstörtes Vertrauen, ist wie eine große mentale Wunde. Sie braucht sehr lange, um zu heilen. Wenn das überhaupt möglich ist. Ich darf nicht erwarten, dass auf einmal wieder alles gut ist, wenn das Beziehungskonto maßlos überzogen wurde.

Mit einem gut gefüllten Beziehungskonto ist das etwas anders. Gute Erfahrungen und ein vertrauensvolles Miteinander lassen Beziehungen und somit auch schwierige Situationen durchstehen. Das Beziehungsguthaben macht es möglich.

Das ist nicht selten auch der Grund, warum Verbindungen kommen und gehen. Es kommt nicht auf die ständige Interaktion, sondern viel mehr auf die Intensität an.

Die wirklich wertvollen Verbindungen halten ewig.

Was ist Ewigkeit? Ich glaube das ist eine sehr philosophische Frage. Als ich auf Twitter meine Erkenntnis der Woche zu dem Thema gepostet habe, kam die Reaktion, dass es Ewigkeit gar nicht gibt. Ja, das stimmt. Jedoch auch wieder nicht.

Stell dir vor, du triffst dich mit einer Freundin oder einem ehemaligen Schulkumpel. Eines der ersten Sätze ist häufig „… wir haben uns ja schön ewig nicht gesehen. Du hast dich gut gehalten. Wie viele Jahre ist es her…“

Ich glaube jeder von uns hat seine ganz eigene Vorstellung davon was Ewigkeit bedeutet. Das ist auch gut so. Für mich sind es die wirklich wertvollen Verbindungen, die für ewig halten.

Es sind Verbindungen zu Personen, mit denen ich durch dick und dünn gegangen bin. Es sind Personen, mit denen ich eine intensive Zeit erlebt habe. Es sind Menschen, die schon lange nicht mehr leben und trotzdem sind sie bei mir. Auch wenn sie schon mehr als dreißig Jahre tot sind. Im Herzen sind diese Menschen bei uns und bleiben für ewig.

Es sind die Verbindungen, die uns Flügel verleihen und uns unterstützen in allen Lebenslagen. Es sind die Verbindungen, die uns wieder aufbauen, wenn wir am Boden liegen. Es sind die Menschen, die wir Fragen können, ohne uns klein oder schwach zu fühlen. Es sind die Verbindungen, die auf Respekt und Wertschätzung beruhen und uns Mensch sein lassen. Solche Verbindungen halten ewig.

Der gemeinsame Weg zeigt, wie stark eine Verbindung wirklich ist.

Manchmal braucht es eine Weile, bis wir erkennen, welche Verbindungen uns stärken oder schwächen. Ein Netzwerk lebt von seinen Verbindungen. Wie stark ein Netzwerk und seine Verbindungen wirklich sind, lässt sich in besonderen Situationen erleben.

Stell dir vor, du gehst an einem Sonntagmorgen im Frühling durch den Wald. Du bleibst vor einem Spinnennetz stehen. Am Spinnennetz glitzern die Tropfen des Morgentaues. Du siehst, wie es sich langsam hin und her bewegt. Das Spinnennetz ist flexibel und stabil zugleich. Alle Verbindungen sind intakt und halten auch einem Sturm stand, obwohl sie so filigran und kaum sichtbar sind.

Spinnennetz mit Tautropfen
starke Verbindungen

Was passiert, wenn das Netz beschädigt ist? Leichte Beschädigungen können durch die anderen Verbindungen aufgefangen werden. Größere Beschädigungen halten jedoch einem Sturm nicht mehr stand.

So ist es auch zwischen uns Menschen und in Organisationen. Die Frage ist, wie stabil und flexibel sind unsere Verbindungen? Halten sie einem Sturm stand? Das ist ein wichtiger Unterschied, warum sich Menschen in einer Organisation wohlfühlen oder nicht. Es sind die unsichtbaren Verbindungen. Es sind die Beziehungen und deren Guthaben auf den Beziehungskonten. Das wird oft unterschätzt.

Der gemeinsame Weg und die unterschiedlichen Wetterlagen zeigen, wie stabil, flexibel, stark und wertvoll die Verbindungen wirklich sind.

Aus den Situationen lernen

Es gibt Momente, die sind einfach schön. Dann gibt es Moment, die sind einfach nur anstrengend und aufreibend. Freude und Frust liegen oft sehr nah beieinander. Die Frage ist, was lernen wir daraus?

Die schönen Momente sind für mich zum Genießen da. Sie lassen uns wachsen, sie machen uns stark und zufrieden.

Die anstrengenden Momente brauchen etwas Zeit, bis der notwendige Abstand gewonnen ist. Dann sind diese Situationen ein großes Lernfeld. Was war besonders? Warum hat es nicht funktioniert? Was kann ich anders machen? Diese Situationen zu reflektieren, bringen einen enormen Erfahrungsschatz mit und machen dich und die Organisation resilienter, wenn es zugelassen wird. Probiere es aus.

Die zentrale Frage ist: Was bist du bereit, in Beziehungen zu investieren?

Verbindungen machen das Leben spannend.

2 Responses

  1. Lieber Falk,
    Vielen dank für den Spinnennetz-Vergleich. Die Idee gefällt mir. Wenn das Netz an einer Stelle hängt, an der es immer wieder zerrissen wird, wird sich die Spinne einen neuen Ort suchen. Vorher versucht sie es vielleicht noch mit einer anderen Webart, anderer Befestigung usw.
    So gibt es auch in Beziehungen, wir versuchen uns an Gegebenheiten abmnzupassen.
    Aber dann wenn wir merken, dass es nicht passt, wenn uns die Beziehung nicht gut tut, ist der Moment, indem wir entscheiden sollten, die Netze wo anders aufzubauen. Dann trennen wir uns von einer Organisation oder einer Person. Schaffen wir das nicht, werden wir Schaden nehmen.
    Herzlich, Karin

  2. Vielen lieben Dank Karin,
    genau so erlebe ich es oft in Organisationen. Es ist schon interessant, wie etwas so filigranes wie ein Spinnennetz und die kleine Spinne versuchen auf die Veränderungen zu reagieren. Davon können wir viel lernen.
    Viele Grüße
    Falk

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